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21.11.2016 Syker Kurier
Anne und Davy beschreiben gemeinsam mit Joachim von Lingen musikalisch das Räderwerk des Alltags

Deutlich unsichtbar

Bärbel Rädisch 21.11.2016
Bruchhausen-Vilsen. „Das Versteckte in einem Vexierbild ist deutlich unsichtbar. Deutlich für den, der gefunden hat, wonach zu schauen er aufgefordert war. Unsichtbar für den, der gar nicht weiß, dass es etwas zu suchen gibt", schrieb einmal Franz Kafka. Auf jedem Tisch in der Scheune in Bruchhausen-Vilsen war am Sonnabend die Probe aufs Exempel zu machen, indem man in Wenzel Hollars Bild, das da lag, entweder eine Landschaft oder einen Männerkopf entdecken konnte. Anne und Davy, die seit 1980 musikalisch unterwegs sind, und Joachim von Lingen, der auch Mitglied der Martfeld Blues Band ist – allesamt Liederschreiber und Komponisten – legten damit eine Spur zu ihren musikalischen und wortgewandten Leuchtblicken, wie sie sie nennen.

Entschleunigung am Wochenende: Keyboarder Joachim von Lingen (von links) trat gemeinsam mit Anne und Davy aufs temporäre Bremspedal. (Janina Rahn)
„Im Räderwerk des Alltags“ war ihr Programm überschrieben. Die Quintessenz des Titelliedes: Auch wenn es schwierig wird, es gibt immer eine Tür, die sich öffnet. Anne sang mit klarer, tragender Altstimme, Cajón oder die Trommel schlagend, Davy an der Gitarre und Joachim am E-Piano. Seit 2012 treten sie als Trio mit eigenen Kompositionen und Texten auf. „Wir beide klingen“, sang Joachim von Lingen bei „Dicht beieinander“, einer Liebeserklärung der anderen Art. Von „Kleinkariert“ hatte Anne die Nase voll, und als Geschenk an das Publikum erklang ein Lied über Freundschaft.
Philosophisches, in „Die Welt hat sich verändert“ in 24 Zeilen beschrieben, wechselte zur Sorge eines Truckers, der auf dem Autobahn-Rastplatz vergeblich nach einer Parkmöglichkeit sucht, um seine Pause einzuhalten. Er wünscht sich eine „Parkplatzfee“. Die drei Künstler konnten ein Schmunzeln nicht unterdrücken, als sie „Oh, diese Nippel“ anstimmten. Davy ist an der Mittelweser in seinem Job damit befasst, dass sich Schleusentore reibungslos öffnen und Zahnrad in Zahnrad greift. „Da ist immer einer mit der Fettpresse unterwegs, um die Nippel zu schmieren“, erklärte er lachend. Und da war es wieder, dieses Vexierbild im Liedtext, der etwas ganz anderes erwarten ließ.
Gleich darauf wurde aufkeimender Faschismus verurteilt. Das mehr als zehn Jahre alte Lied entstand, als Anne und Davy zu den sogenannten „Sonntagsspaziergängern" gehörten, die gegen die Übernahme des Heisenhofs durch braune Gesinnungsgenossen protestierten. Die südamerikanischen Rhythmen, Bossa-Nova-Klänge, oder auch Jazziges verbanden sich nahtlos mit der Lyrik der Texte wie in „Weiter Alter Ego“, das von Lingen für seinen Bruder geschrieben hat. Greifbar waren die Glücksgefühle, die Anne in „Amsterdam“ erlebte, falls es Glück zum Anfassen gibt. Gesang und Instrumentalbegleitung des Trios bildeten eine äußerst professionelle Einheit.
„Seelenrhythmusstörungen“, lautete die Überschrift zu einem von Anne gelesenen Text. Ein kunstvolles Wort, das Pathetisches erwarten ließ. Jedoch – Vexierbild: „Wenn es dunkel wird in meiner Seele, mache ich mir einen Kaffee. Besser noch: Ich dusche, oder ich geh einfach wieder ins Bett.“ Davys Gitarre und von Lingens Piano untermalten jedes Stück, so auch „Die Hüterin der Kraftquelle“, den Ort, wo man so sein darf, wie man ist. Und ein Abend, der den Zuhörern außerordentlich gut gefiel, die „Und tschüss“ gar nicht hören wollten, ging mit dem einzigem englischen Lied – John Lennons „Imagine“ – zu Ende. „Das beste Lied gegen Krieg, das je geschrieben wurde“, so Davy. „Danke für diesen Abend“, hieß es zum Schluss aus dem Publikum.